Nerdige Gedanken vom und zum Radfahren

Was erlaube ...


Hausbau

Einblicke ins Wohnzimmer

Yihhhaaaaa. Ich habe ein Haus gekauft. Eigentlich nicht nur ein Haus, sondern einen alten kleinen Bauernhof. Ein recht kleines aber ausreichendes Wohnhaus (ca. 100qm) Wohn- und Nutzfläche und eine intakte Scheune mit ca. 160qm und Nutzräumen. Soweit, so gut - allerdins geht mir die Klugscheißerei von Unbeteiligten dazu langsam auf den Keks.

Diesen Artikel möchte ich nutzen, um Zweiflern, Nörglern und Belehrenden einfach kurz zu erklären, warum ich den Hof gekauft habe und warum das für mich eine gute Idee ist. All ihr, die mir sagen wollt wie dumm und/ oder naiv man sein muss, um sich so etwas zu kaufen, oder die mir dauernd erklären wollen, dass man damit doch nicht zufrieden sein kann - bitte lest euch das hier mal durch.

Wie es zum Kauf kam

Seit fast 3 Jahren wohne ich in einem kleinen Nest im Odenwald. Bei der letzten Wahl hatten wir 170 Wahlberechtigte, können uns also mit Fug und Recht "klein" nennen.
In diesem Ort fühle ich mich wohl wie seit der Kindheit nicht mehr. Wir haben eine wahnsinnig tolle Dorfgemeinschaft und ich fühle mich einfach geerdet. Dort geht es um die wichtigen Dinge im Leben und nicht um Status, Luxus und Komfort. Das gefällt mir und ich weiß tatsächlich auch, wie das andere Leben aussieht. Ich wohne da nicht weil ich es finanziell müsste oder weil ich nix besseres finde, sondern weil ich es will. Gegenüber von meiner Wohnung, mittem im Ort, steht dieses kleines Haus mit Scheune auf ca. 1.000qm Land. Schönes Land. Aufgeteilt in 3 Parzellen, wovon eine noch Bauland ist. Eingerahmt von 2 ruhigen Straßen, auf zwei Ebenen, abgetrennt mit einer wunderschönen Natursteinmauer. Die letzten 30 Jahre wurde das Haus als Ferienhaus genutzt, aber die Mieter kündigten im Herbst 2012 und ich wurde gefragt, ob ich es nicht kaufen möchte.

Wo ich schon alles gelebt habe

Ich bin in der Nähe von Köln aufgewachsen und mit 19 Jahren, nach dem Abitur, nach Köln gezogen. Dort habe ich 3 Jahre in einer WG mitten in der Stadt gewohnt. Meine Ausbildung bei einer großen Versicherung gemacht und danach auch  dort studiert. Mit meiner damaligen Freundin habe ich danach eine größere Wohnung bezogen - immer noch mitten in Köln. Wir waren DINKS (Double Income No Kids) und hatten reichlich Geld und Luxus.

Danach bin ich nochmal in eine größere Wohnung ins Kölner Umland gezogen. Dort haben wir auch fast 3 Jahre gelebt.
Dann begann die Karriere - um es kurz zu machen: 5 Jahre Leben in einer 110qm großen, luxuriösen Wohnung im Umland von München. 2010 habe ich mich als Abteilungsleiter von einer Unternehmensberatung abwerben lassen und bin IN EIN HAUS nach Stuttgart gezogen. 130qm, Garten, Doppelgarage - alles tutti.

Das Ende der Banken- und Versicherungskarriere

Der Wechsel zur Unternehmensberatung war von erster Unzufriedenheit mit der "Managerkarriere" in einem Konzern geprägt und der Versuch, wieder Spaß an Job und Arbeit zu finden. Das hat leider nicht geklappt. Nach nicht ganz einem Jahr habe ich gemerkt, dass die Veränderung radikaler sein muss und ich wirklich etwas machen möchte das mir Spaß macht. Ich war 32 Jahre alt, verdiente extrem gut und war ein Leben ohne finanzielle Sorgen und Einschränkungen gewohnt.

Der Gedanke war: "Wenn nicht jetzt selbständig machen, wann dann?" Also habe ich die eigene GmbH gegründet und mich aus verschiedenen Gründen in Richtung Odenwald orientiert. In dem kleinen, beschaulichen Nest habe ich auch wieder eine eher luxuriöse Wohnung gefunden - nichtsahnend dass ich sie eigentlich gar nicht brauchen werde.

Warum ich weiß was ich tue

Als es mit dem Verkaufsangebot ernst wurde und der Verkäufer auch einen Preis nannte, der für mich annehmbar erschien, bin ich NICHT losgerannt und habe direkt gekauft. Der erste Weg führte zu einem Bausachverständigen und Gutachter. Ich bin Informatiker und Controller. Ich kann einen Business Case berechnen, aber ich kann kein Gebäude schätzen. Weil ich weiß was ich nicht kann, habe ich mir jemanden gesucht der das kann. Den habe ich bezahlt - egal ob ich kaufe oder nicht. Mit dem sind wir einen halben Tag durch das Haus gelaufen. Haben Messungen gemacht, die Wände aufgekloppt, die Decken untersucht, die Balken bearbeitet, das Dach inspiziert, und und und.
Nach einer Woche war das Gutachten und der ebenfalls beauftragte Sanierungsplan fertig. Ich habe also NICHT einfach irgendwen gefragt was er davon hält, habe mir nichts einflüstern lassen und auch kein Gutachten der Verkäufer genommen. Die Verkäufer hatten mit der ganzen Gutachteraktion nichts zu tun.

Das Ergebnis und die Empfehlung des Gutachters: Bausubstanz gut bis sehr gut, kleinere bis mittlere Mängel, die auch im Sanierungsplan berücksichtigt wurden - aber alles ein allem ein Haus, das man für den gefragten Preis kaufen kann.

Auch die Alternative "Abriss" und "Neubau" wurde in diversen Varianten mehrfach durchkalkuliert und besprochen. ABER: Ich habe schon Neubauten gehabt. Ich habe schon in Luxuswohnungen gelebt. Ich brauche und will das nicht mehr. Ich bin angekommen. Ich möchte ein Haus mit Charakter. Eines, in dem man sich wohl fühlt und auf das wesentliche im Leben konzentrieren kann. Ich brauche keinen Marmorfußboden, keine zwei Vollbäder, kein Eßzimmer für das man eh keine Freunde hat und in dem man nur gelegentlich Kollegen oder die Familie beeindrucken möchte, keinen freistehenden Herd, keine Küche mit Theke und Hockern, keine Galerien und Emporen. Das hatte ich alles schon. Glücklich hat es mich nicht gemacht.

Auf Ratschlag des Gutachters wurden alle Unterlagen wie Baugenehmigungen, Baulasten usw besorgt. Das hat über ein halbes Jahr gedauert. In der Zeit hat man sich immer wieder Gedanken gemacht und das vernünftig hinterfragt und auch wieder und wieder mit den Verkäufern verhandelt. Schließlich wurde gekauft und es war kein Schnellschuß. Mit Eigenkapital. Kein Kredit, kein nix.

Was erlaube ...?!

Also was fällt Handwerkern oder anderen kaum beteiligten Anliegern ein, mich und meine Entscheidung zu belächeln?! Was fällt Leuten ein, meine Entscheidung als "blauäugig" zu bezeichnen? Wenn ich hören muss "Ich kann mir nicht vorstellen dass man so leben möchte!", stellen sich mir die Haare auf.
ICH möchte das und ich möchte eben kein Haus mehr zum Repräsentatieren sondern zum Leben. Ich mag den trockenen Sandsteinkeller mit Lehmboden. Ich mag das Knarren der Holzdielen. Ich mag die kleinen Räume. Ich brauche keine großen Räume für Zeugs das man sich kauft um es abzustellen. Und wenn ich Stauraum brauche, habe ich eine große Scheune mit ummauerten Räumen. Ich habe ein Wurstküche in der Scheune, die zum Gesellschaftsraum werden will. Ich stehe auf dem Hof, schaue über die Hügel in den Wald und bin zufrieden. Hört bitte auf mir zu sagen, dass man so nicht zufrieden sein kann.

Ich bin nicht alleine

Die Schalung wird geplant


Seit zwei Jahren bin ich im Ort angekommen. Von Oktober bis März geht es mit der nachbarlichen Holzgemeinschaft fast jeden Samstag in den Wald. Von 8 Uhr morgens bis 14 oder 15 Uhr wird dann Holz gemacht. Mit 6 bis 7 Leuten werkeln wir dann. Das strengt an, es ist kalt, man tut sich immer mal weh - aber ich liebe das und bin zufrieden. Dabei habe ich bis jetzt noch gar keinen Ofen. Ich brauche gar kein Holz, aber bei uns hilft man sich. Danach geht es zur Brigitte zum deftigen Essen und Bier. Um 19 Uhr ist der Tag dann vorbei. Das ist gut so. Das ist Leben. So läuft das im Moment auch auf unserer Baustelle.

Letzte Woche Donnerstag stellte sich beim Besuch des Gutachters mit einem Architekten heraus, dass die Kellerdecke weg muss. Die Balken waren zu angegriffen. Man hätte zwar erhaltende Maßnahmen ergreifen können - aber das Problem so nur verschoben. Nein, das war keine Überraschung. Wir wussten, dass die Kellerdecke ein Problem sein wird und hatten das auch im Sanierungsplan berücksichtigt.

Der Architekt schlug eine Montagedecke vor. Die beste Lösung wäre eine Stahlbetondecke, aber die wäre für uns zu aufwendig und teuer wenn man sowas machen lässt. Am gleichen Abend gab es Gegrilltes und Bier beim Nachbarn. Nach 10 Minuten wurde mir gesagt "Bring hier morgen nen Statiker her. Der soll uns sagen ob die Decken raus können. Dann reißen wir diesen Samstag die Decken raus und nächsten Samstag wird die neue Decke gegossen. Haben wir schon ein paar Mal gemacht."

Mit dem passenden Gerät geht alles viel einfacher

Genau so passiert das jetzt. Zwar müssen wir uns auf Anraten des Statikers Raum für Raum vorarbeiten, aber seit Freitag waren bis auf Sonntag jeden Tag 4-5 Leute auf der Baustelle. Ein Nachbar bestellte den Container, es wurde mit schwerem Gerät angerückt. Meine Aufgabe war es eigentlich nur Werkzeug beizuschaffen und Material zu kaufen. Dafür bekomme ich eine Einkaufsliste und ziehe los in der Hoffnung,  der Verkäufer im Baustoffhandel weiß schon was das für Zeugs ist das ich holen soll. Weil ich nicht das richtige Auto habe, um 4 Meter lange Balken zu holen, drückt uns der Nachbar den Schlüssel von seinem Montagewagen in die Hand.

Ich bin zufrieden

Das ist der Grund warum ich dort leben möchte und warum das Haus genau das ist, was ich will. Wenn andere das nicht wollen, oder sich nicht vorstellen können wie das in so einem Dorf funktioniert - das ist völlig ok. Das konnte ich vor 3 Jahren auch noch nicht - aber bitte versucht uns nicht zu erklären, warum man so nicht zufrieden sein kann. Denn das sind wir.

 

 

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