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Unge vs. Mediakraft #Freiheit


mediakraft

Simon Unge trennt sich von seinen beiden Kanälen ungefilmt und ungespielt bei Youtube und damit von mehr als 2 Mio Abonnenten. Hintergrund ist ein langer Streit mit seinem Netzwerk Mediakraft. Ein Hoffnungsschimmer für Youtube und Let's Player.

Die Nachricht schlug gestern Abend ein wie eine Bombe. Am späten Samstagabend veröffentlichte Simon Unge sein letztes Video auf seinen Kanälen ungefilmt und ungespielt. Der von ihm dazu genutzte Hashtag #Freiheit landete prompt auf Platz 1 der Twitter Charts.
Mit diesen beiden Kanälen erzeugte Unge eine monatliche Reichweite von mehr als 30 Mio Views und mehr als 2 Mio Zuschauer und gehört damit unter die TOP5 der deutschen Youtube-Szene.

Langer Streit mit Mediakraft

Unge gehört mit seinen 24 Jahren zu dem Phänomen der Let's Player und Vloger. Diese Jungs und Mädels verdienen ihren Lebensunterhalt damit, Videos zu produzieren, die sie beim Spielen zeigen oder einfach durch ihren Alltag begleiten. Leute wie Unge sind inzwischen Stars auf Youtube und begehrte Multiplikatoren für die junge Zielgruppe.

Ich selber schaue da mit meinen Mitte 30 auch noch gerne und viel zu. Die Videos von Unge, Gronkh, Sarazar & Co begleiten mit bei der Arbeit. Zum einen erinnern sich mich an die eigene Nerdjugend, andererseits gehört es einfach dazu wenn man im Netz auf dem laufenden bleiben will. Da ich damit auch mein Geld verdiene, kann ich das sogar beruflich rechtfertigen ;)

Vor ca. einem Jahr fiel mir auf, dass sich die großen Youtuber mehr und mehr in Netzwerken, sogenannten Multi-Channel-Networks (kurz: MCN) organisierten. Im Prinzip sind MCN die moderne Form der Plattenlabels: Sie übernehmen für die Youtuber einen großen Teil von Formaliäten, Bürokratie, klären Rechtsfragen und versprechen Ihnen durch die erhöhte Reichweite bessere Werbedeals auszuhandeln. Das einfache Prinzip von "Gemeinsam sind wir stärker ..." Denn trotz aller Kreativität leben die Youtuber am Ende aus dem Napf von Youtubes Werbetopf.
Nun wurden viele der Netzwerke nicht von Youtubern für Youtubern gegründet, sondern von einfallsreichen Geschäftsleuten die ihrerseits wieder Geld damit verdienen wollen. Eines dieser Netzwerke ist Mediakraft, dass sich über mehrere Investorenrunden mit Kapital versorgt hat - was sich für Partner und Investoren natürlich auszahlen soll.

Bei diesem Netzwerk war (oder ist) auch Unge unter Vertrag und schießt nun scharf gegen seinen ehemaligen Partner. Er kritisiert mangelnde - eher gar keinen - Support durch das Netzwerk. Stattdessen wurde er an seiner Kreativität gehindert und von ihm erstellte und hochgeladene Videos durch das Netzwerk eigenständig entfernt oder ausgetauscht. Denn die Kanäle gehen meist in den Besitz den Netzwerks über, das dann die redaktionelle und technische Kontrolle darüber hat.

Sturm im Wasserglas?

Das hört sich eigentlich nach einer Lapalie an: Arbeitnehmer hatte sich seinen Arbeitgeber anders vorgestellt und streikt. Bei Unge's Schritt in die 'Freiheit kommen aber zwei Dinge zusammen:

  1. Die Reaktion der Community
    Widererwarten solidarisieren sich auch andere große Youtuber mit Unge. Sein neuer Kanal enthält noch nicht ein Video, aber bereits über 300.000 Abos. Wahnsinn. Die Community reagiert geradezu befreit und bezeugt Unge uneingeschränkte Solidarität. Unge hat es sogar auf die Startseite von bild.de gebracht. Normalerweise ein eher zweifelhaftes Kompliment, hier aber Ausdruck der Reichweite von Unge.

    Ich bin tatsächlich erstaunt dass auch andere Youtuber Unge's Position unterstützen. Schließlich ist fast jeder große Youtuber in einem MCN organisiert, oder betreibt sein eigenes MCN. Ich hatte erwartet dass die Mehrheit erstmal abwartet und sich bedeckt hält.

  2. Es lässt hoffen, dass die Stars bei Youtube weiterhin authentisch bleiben
    Unge begründen seinen Schritt auch damit, dass er sich nicht verkaufen lassen will. Genau diese Einstellung ist es, die viele sehen möchten. 
    Einige MCNs kommen aus dem klassischen TV und versuchen es zum Teil mit den alten gescripteten Formaten. Ich denke da zum Beispiel an "The Mansion" von Studio 71, einer Pro7-Tochter. In meinen Augen ist das Experiment gescheitert. Man versuchte 5 bekannte Youtuber zusammenzuziehen, ließ sich mehr oder weniger freie und eigene Formate gemeinsam produzieren und setzte wohl darauf, dass sich jeder Abonnent auch für das gemeinsame Format begeistert. Das hat aber irgendwie so gar nicht geklappt. Laden Gronkh oder Sarazar ein Video auf den eigenen Kanal, hat es schnell > 200k Views in den ersten 24 Stunden.
    Die Videos im Mansion Kanal dümpeln auch nach einer Woche noch bei 20-50k herum.

Der Schritt von Unge könnte für eine Abkehr von diesen Versuchen der eher kommerziellen denn kreativen Förderung von Youtubern stehen. Ich würde das sehr begrüßen und wünsche Simon alles Erfolg und bin sicher er hat den richtigen Schritt getan.

Die Fratze des Kommerz

Aktuell hat Unge ganz klar Existenzängste. Es hört sich allerdings so an, als wären ihm diese eher eingeredet worden. Er sagt sogar ganz klar, ein Mitarbeiter von Mediakraft habe ihm gedroht ihn in die Privatinsolvenz zu treiben wenn er sich nicht fügt.
Das entspricht leider jedem Klischee: Der junge, unerfahrende Kreative wird von den größeren und mächtigeren gedängelt und erpresst.
Simon Unge hat sich aber nun befreit und ich bin sehr gespannt auf die Reaktion von Mediakraft. Aus deren Sicht hätte die Aktion gar nicht schlechter laufen können. Ein PR-GAU par excellence. 

Noch heute am Sonntag will Mediakraft eine Stellungnahme abgeben. Bis dahin sind sie auf Tauchstation gegangen. Die Facebookseite ist geleert und die Website mag auch nicht mehr. Stellen wir also das Popcon bereit und warten was da kommt ;)

*Update

Die Geschichte von Unge ist mittlerweise bei STERN, Spiegel, Welt & Co angekommen. Zwar wird mir richtig übel wenn ich die Kommentare bei bild.de lese, aber an sich eine gute Sache dass sogar der Mainstream anspringt. So langsam wird es sich doch rumgesprochen haben, dass Youtube eine ernstzunehmende Konkurenz für die alten Medienanstalten ist.

Inzwischen wurde auch das offizielle Statement von Mediakraft veröffentlich. Zur Veröffentlichung wurde Facebook gewählt. Die eigentliche Website von Mediakraft ist zwar technisch erreichbar - aber leer. Vermutlich möchte man jedem DDOS aus dem Weg gehen. Inhaltlich fällt die Stellungnahme aus wie zu erwarten war. Ich denke man kann davon ausgehen dass das Statement in den letzten paar Stunden von ein paar Dutzend Fachleuten aus PR und Medienrecht überarbeitet wurde.
Ohne Rechtschreibflames zu nutzen - aber bei Mediakraft scheint man etwas in Hektik gewesen zu sein ;)

Kein Rechtschreibflame - aber bei Mediakraft ist man wohl gerade etwas hektisch ;)



Ehrlöich gesagt muss ich sagen, dass ich teile der Sicht von Mediakraft doch nachvollziehen kann. Es klingt nach "Ein junger Mann hat ein Geschäft gemacht, ohne sich vorher ausreichend seiner Rechte und vor allem Pflichten klar zu sein.". Das halte ich nicht mal für unwahrscheinlich.
Gegen Mediakraft sprechen allerdings eine ganze Reihe von Äußerungen anderer Youtuber und z.B. der (allerdings vertragsgemäße) Abgang von LeFloid vor ein paar Wochen oder das ein oder andere Statement von CommanderKrieger oder BeHaind.

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