Nerdige Gedanken vom und zum Radfahren

Nein, ich bin nicht Charlie!


Meinung

Wie die meisten normalen Menschen, hat mich der Anschlag in Paris gestern absolut entsetzt, tieftraurig und auch besorgt zurückgelassen. Wenn das kein Anlass ist, die eigene Meinungsfreiheit zu überdenken, was dann?

Bis in die Nacht hinein habe ich allen möglichen Schlussfolgerungen von klugen und noch klügeren Menschen zugehört. Dann habe ich mir meine eigenen Gedanken gemacht, ob ich auch Charlie bin.

Die Antwort in meinem Fall lautet: Leider Nein. 

Nein deswegen, weil ich meine Meinungsfreiheit aus Angst zu wenig nutze. Ich muss keine Demonstrationen organisieren oder Zeitungen veröffentlichen, um meine Meinung zu äußern – eigentlich fängt das schon hier auf Facebook an.
Zum Beispiel meine Timeline. Die besteht in einigen Teilen aus gequirlter Scheiße, die es über den nahen oder fernen Bekanntenkreis in mein Sichtfeld schafft. Oft ärgert mich das und ich wundere mich.

Da wird sich über eine mögliche Abschaffung der „GEZ“ (die ja schon gar nicht mehr so heißt) gefreut, obwohl absolut nicht verstanden wurde, was Sinn und Zweck dieser Art von Gebührenerhebung ist.
Es wird sich über die Angst vor Job- und Statusverlust wegen Zuwanderung beklagt, oder offen mit Pegida & Co sympathisiert. Man möchte ihnen zurufen „Wenn Dir Leute ohne Ausbildung, ohne Kontakte und ohne finanzielle Mittel den Job klauen können, dann solltest Du Dir mal Gedanken über Dich machen!“.
Fußballfans finden es lustig, wenn erhangene Puppen von Manuel Neuer von Brücken hängen, wir wie Deutsche gehen und andere teilen mit Feuereifer den erlogenen Dreck aus der BILD.

Diesen ganzen Mist lese ich mit Widerwillen und auch Angst. Es ist keine Angst um Leib, Hab und Gut. Es ist die Angst, dass auch diese Menschen wählen gehen, obwohl ihnen ganz offensichtlich die Bildung dazu fehlt. Demokratie verlangt nach aufgeklärten Bürgern. Warum hab ich dann den Eindruck, dass die Dummen immer die Lautesten sind?
Klar dürfen und sollen sie ihre Meinung und ihre Interessen haben, sie sollen auch darüber reden – das ist Meinungsfreiheit. Aber genauso ist es unbedingt notwendig, dass dazu andere Meinungen kommen, die frei geäußert werden.

Sich zu informieren und auch mal Abseits der bekannten Pfade zu lesen erfordert leider Zeit und Mühe. Wer sich nur im Umfeld von Bild, Express, Abendblatt und Huffington Post bewegt, ist natürlich auch informiert – aber leider einseitig. Das gilt übrigens genauso für die reinen Leser von SPIEGEL, TAZ und Süddeutsche.

Gelegentlich findet man bei der Suche nach weiteren Informationen auch Dinge, die einem die Falschheit und Absurdität der eigenen Meinung offenbaren. Das muss man zulassen und aushalten lernen. Es ist wie bei allem im Leben: Es lohnt ein zweiter Blick.
Das Angebot für diesen zweiten Blick ist ja zum Glück (noch) da – zum großen Teil auch Dank des so gescholtenen Rundfunkbeitrags. Wenn Bild oder Springer allgemein gegen den Rundfunkbeitrag hetzen … könnte da vielleicht Eigeninteresse hinter stecken? Es könnte lohnen da mal drüber nachzudenken.

Die Informationen für den zweiten Blick muss man sich aber abholen. Leute die das nicht machen, handeln fahrlässig. Kann es dann nicht helfen, wenn man mit seinen eigenen Informationen oder auch einfach nur seiner Meinung kommentiert? Ein Beispiel wäre da noch der Vorschlag über das Singen von islamischen Weihnachtsliedern in der Weihnachtsmesse. Eine bösartige, erlogene Geschichte von Bild Redakteuren, für Bild Leser, die es mehrfach unkommentiert in meine Timeline geschafft hat.

Eigentlich darf man diesen Mist eben nicht unkommentiert stehen lassen. Leise sein bedeutet in diesem Fall stille Zustimmung.

In dem Zusammenhang empfehle ich solche Seiten wie BILDblog und Der Postillon. (Wobei letzteres ein Satiremagazin ist – nur um den nächsten, unfreiwillig besorgniserregenden Beiträgen in meiner Timeline vorzubeugen)

Aber warum ist es so schwer, diese populistische Scheiße nicht nur zu ignorieren, oder im Stillen mit aufgeklärten Menschen darüber zu diskutieren? Wäre es nicht besser, direkt darauf zu antworten, Denkanstöße zu geben oder schlicht Ahnungslosigkeit und Dummheit zu offenbaren?
Hab ich nur Angst, dass ich von diesen Leuten „entfreundet“ werde? Das wäre in der Tat eine schlimme Konsequenz.

Nein. In meinem Fall ist es eine Mischung aus „ist die Mühe nicht wert“ , „Du wirst eh niedergebrüllt“ und „oh, dann sehen auch andere Bekannte dass ich mich mit so einem gedanklichen Müll beschäftige“.
Widerlich triviale Gründe, oder?

Ich habe Kontakte bei Facebook, denen ich öfters stillen Beifall spende. Das sind z.B. Marco MöllerSteve KrömerVince Ebert oder Brian Krause. Die sind meist informiert, gescheit und ducken sich nicht weg. Die sind Charlie. 
Es geht dabei gar nicht so sehr ums Recht haben, oder mit mir einer Meinung sein. Sondern die teilen und verbreiten auch in Kommentaren Informationen, weisen auf Fehler hin oder teilen schlicht mit, dass sie anderer Meinung sind. Das reicht ja schon.

Über diese Stimmen freue ich mich und dass es sie gibt, ist Meinungsfreiheit. Lasse ich sie alleine, nehme ich ihnen vielleicht auch den Mut sich weiter zu äußern.

Vielleicht sollte ich daher schon im Kleinen anfangen. Hier auf Facebook und vermeintlich Falsches nicht unkommentiert lassen. Auch wenn es Kleinigkeiten sind.

Natürlich habe ich dabei das Recht nicht gepachtet und meine Meinung ist auch oft vorschnell und falsch. Manchmal braucht es ein wenig Zeit und ein paar andere Meinungen, bis diese Erkenntnis da ist – aber genau deswegen brauchen wir Stimmen wie Charlie Hebdo, Titanic, Bildblog, Postillion oder „die Partei“. Stimmen, die nach allen Seiten austeilen.

In einem dieser unsäglichen Kommentare zu gestern habe ich gelesen „Was hat denn so ein kleines Comicblatt mit Demokratie zu tun???? Kommt mal wieder runter!!!!“

Der Beitrag hatte schon einige Likes. Dass Satzzeichen keine Rudeltiere sind, war nicht das Einzige, was mich an dem Kommentar gestört hat.

Ich habe gerade eben einen Kommentar dazu geschrieben.

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