Nerdige Gedanken vom und zum Radfahren

Warum mich #aufschrei stört


#aufschrei

Es fängt schon beim ersten Gedanken zu dem Thema an: "Darf ich als Mann sagen, dass mich das stört?!". Das letzte Mal als ich nachgesehen habe, war ich noch ein Mann und #aufschrei geht mir auf eben eines meiner Geschlechtsmerkmale.

Für die weniger twitter- und allgemein netzaffinen unter den werten Lesern: #aufschrei ist ein Hashtag. Ein Hashtag benutzt man unter anderem bei Twitter dazu, seinen Beitrag mit einem Wort in eine Kategorie zu stecken. Also eine Verstichwortung der Beiträge. Im Moment ist einer der in Deutschland häufigst genutzten Hashtags eben #aufschrei. Geboren wurde #aufschrei als Folge des Artikels im Stern "Ein Herrenwitz". Hier schildert eine Reporterin des Sterns ihre Begegnung mit dem FDP-Fraktionsvorsitzenden und frisch gebackenen Spitzenkandidat der FDP: Herrn Brüderle. An einer Hotelbar. Nachts. Vor einem Jahr. In guter Gesellschaft. Alles weitere kann man hier nachlesen.

Jetzt in aller Kürze was mich an der Debatte stört:

  1. Politische Motivation
    Kann, aber muss nicht sein. Das Ärgerliche: Durch den Aufhänger, den Zeitpunkt der Veröffentlichung und weil das Geschehen bereits ein Jahr zurück liegt, lässt sich die Debatte dadurch bagatellisieren. Das ist schade. Natürlich ist auch das Argument "Ohne einen Aufhänger keine Aufmerksamkeit" erlaubt. Bei genauer Betrachtung finde ich aber, dass dieser Aufhänger hier der falsche war und der Sache eher schadet als nützt. 
  2. Die Pauschalisierung
    Durch meine Geschlechtsmerkmale bin ich in Sippenhaft und nicht selten aufgefordert mich zu rechtfertigen. Wieso? Ich will mich nicht rechtfertigen. Ich würde mich gerne beteiligen, aber dann kommt die Keule "Du verstehst das nicht. Du bist ein Mann." Würde man es wollen, könnte man sich über diese sexistische Aussage empören. 
  3. Es ist eigentlich keine Debatte
    Ein Blick in den deutschen Blätterwald und vor allem bei Twitter offenbart ein "Um sich beißen" beider Lager. Die tatsächlich vorhandenen und guten Beiträge werden vom allgemeinen #auschrei übertönt. Danwolf beschreibt das trefflich: "Aber Hauptsache wir konnten alle mal die digitale Faust erheben." Es ist eben einfach zu einfach geworden, in völliger Anonymität ein paar Worte auszurufen und zu glauben das wäre ein sinnvoller Beitrag.
    Ich übertrage sowas ja gerne in die analoge Welt. Stellen wir uns vor, das Thema würde von gemäßigten Meinungvertretern bei einer Podiumsdiskussion erörtert und jedes Wort ging im Kreischen und Trillerpfeifengetöse aus dem Saal unter. Im RL würde man da sagen "Der Saal verweigert sich einer vernünftigen Debatte" - im Netz darf jeder mitkreischen.
  4. Auftritt der Eiferer
    Die kann ich gar nicht leiden. Egal ob in Politik, Wissenschaft, Religion, oder in der Gesellschaft: Eiferer sind ätzend. Große Scheuklappen auf, unablenkbar auf ein Thema mit einer Meinung fixiert, räumen sie alles aus dem Weg was stören könnte. So führt man aber keine Debatte. Das Thema gehört mal geerdet. Von mehreren Seiten betrachtet. Eben reflektiert - aber das zu verhindern sind ja die Scheuklappen da. Gegen sie ist kein Kraut gewachsen und sie verderben gemäßigteren Meinungsträgern die Lust an der Diskussion. So kommt man zu keinem Ergebnis.

Diese Gründe führen dazu, dass es zu einfach wird das Thema als "digitale Empörung" abzutun. Und das hat die Sache eben nicht verdient. Ich habe mich - angeregt durch #aufschrei - tatsächlich dabei ertappt, gelegentlich auch sexistische Gedanken zu haben. Also gut, dass ich mal darüber nachdenke. Ich hoffe, das hat meinen Umgang mit dem anderen Geschlecht bisher nicht geprägt. Aber wenn doch mal - und jetzt kommt's - dann hoffe ich, dass die Frauen es "ab konnten" und sich nicht "belästigt" fühlten. Genau das finde ich jetzt aber gar nicht sexistisch. Ich traue es Frauen nämlich durchaus zu, das zu können und schätze das. Egal ob bei Frauen oder Männern. Aber soll es wirklich nur um diese dummen Sprüche gehen? Liegt das Problem nicht eigentlich tiefer und gehört auch dort angepackt? Aber kommen wir mit dieser Debatte dahin? Ich finde nicht. Jetzt bin ich so arrogant zu behaupten, dass ich auch nicht zur eigentlichen Zielgruppe der Debatte gehöre. Die, die sich meiner Meinung tatsächlich angesprochen fühlen sollten, die Machos, die Biedermänner, die Reviermarkierer und -verteidiger ... die finden zu viele Gründe, das als "nicht ernst zu nehmen" abzutun.

Denn selbst ich kann das Schutzschild nutzen: "Ich bin nicht gemeint. Ich bin 35 Jahre alt. Meine erster Chef war eine Chefin und alles war gut. Aber der Brüderle, der gehört ja noch zu einer anderen Generation - aber die stirbt uns ja weg. Und ausserdem ging es ja eh drum den Brüderle zu beschädigen. Warum hätte die gute Frau sonst ein Jahr warten sollen ehe sie das zum Thema macht. Und dachte sie echt das wäre professionell, Nachts an einer Hotelbar ein Gespräch zu führen? ..." - und siehe da: Ich kann es mir einfach machen. Zu einfach.

Auch wenn ich "Die Welt" sonst nicht besonders lesenswert finde, findet dieser Kommentar von Cora Stephan meine volle Zustimmung.

Update 28.01.2013:

Heute morgen irgendwo im TV ein Interview mit Anne Wizorek, der "Erfinderin" des #-Tags #aufschrei gesehen. Wie gesagt: Die Debatte ist ok und soll ruhig und gerne reflektiert geführt werden. Aber wenn ich so Sätze höre wie (sinngemäß aus dem Gedächtnis): "Wenn man sieht, wie viele User #aufschrei als Kleinigkeiten abtun, dann zeigt das, wie richtig die Diskussion ist". Sorry - aber das klingt nach "Jeder der mir sagt ich habe unrecht, zeigt mir, wie recht ich habe!". Mensch Mensch - Bravo Frau Kommunikationsberaterin.

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Kommentare zu Warum mich #aufschrei stört

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