Nerdige Gedanken vom und zum Radfahren

WTF bedeutet Netzneutralität?


Netzpolitik

Remix zu Vodafile © Digitale Gesellschaft e.V. und Rene

Diese Woche erreichte eine bemerkenswerte Nachricht die IT-Presse:

Stephane Richard, Chef des französischen Mobilfunkkonzerns "Orange", prahlte damit, dass Google Orange für den von Youtube (Fakt: Youtube wurde im November 2006 für ca. 1,6 Milliarden Dollar von Google gekauft) verursachten Traffic entschädige.

Wie unter anderem im Google-Watchblog zu lesen ist, liegt der Hintergrund wohl in der dominanten Stellung von Orange auf dem afrikanischen Kontinent. Diese Stellung hat anscheinend ausgereicht Google zur Kooperation zu bewegen (um es mal nett auszudrücken).

Auf den ersten Blick ist an dieser Nachricht nichts besonderes: Handybesitzer nutzen die Dienste von Google über das Orange Netzwerk und verursachen damit ordentlich Traffic. Der Traffic muss ja irgendwie gestemmt werden und das kostet Geld. 

Das Problem liegt in einem Begriff, der in den meisten Artikeln zu dem Vorgang nie genannt wird: Der Netzneutralität. Und das ist höchst bedenklich.
Weil es dabei um unser aller Internet geht und das Thema zu wichtig wird ist um nicht darüber zu reden, versuche ich eine leicht verständliche Erklärung.

Also was ist die Netzneutralität?

Das Internet wurde erfunden, um jede Form von Daten von A (Sender) nach B (Empfänger) durch ein Netzwerk zu transportieren, auch wenn große Teile dieses Netzwerks ausgefallen oder beschädigt sind. Aus diesem Militärprojekt der DARPA hat sich unser ziviles Internet entwickelt: Daten werden durch ein Netzwerk mit unzähligen Knotenpunkten von A nach B geschickt. Dabei spielt es keine Rolle, was das für Daten sind. Egal ob Texte, E-Mails, Bilder, Videos, Sprachdaten ... das Internet transportiert das alles vom Sender zum Empfänger.

Die Netzneutralität sagt aus, dass das Netz keinen Unterschied machen soll, um welche Form von Daten es sich handelt oder wer der Absender ist. Alle Daten werden gleichwertig behandelt. 

Warum brauchen wie die Netzneutralität?

Übertragen wir das Thema mal von der digitalen in die analoge Welt. Nehmen wir an, ich möchte meiner Mutter einen Brief schicken. Dann gehe ich davon aus, dass die Post meinen Brief zusammen mit vielen anderen aus dem Briefkasten holt, irgendwie auf dem kürzesten Wege zu meiner Mutter bringt und dort zustellt. Dabei spielt es keine Rolle was ich in den Brief geschrieben habe, oder ob ich ihn absende, oder mein Nachbar - der deutlich mehr verdient als ich. (Wir nehmen es ja nur an ...) 

Was würden wir nun sagen, wenn die Post nicht alle Briefe gleich schnell oder gründlich transportiert, sondern die Geschwindigkeit abhängig vom Inhalt des Briefes oder vom Absender machen würde? Ich würde doof gucken, wenn der Postbote meinen Brief erstmal öffnen, ihn lesen und dann entscheiden würde: "Ach, nur so ein Krams. Na, das kann jetzt ein paar Tage dauern ...".

Die Netzneutralität soll sicherstellen, dass genau das im Internet nicht passiert. Also alle Datenpakete unabhängig vom Inhalt und vom Absender gleich schnell transportiert werden. Selbstverständlich gibt es strukturelle Besonderheiten: Je besser meine Anbindung an das Internet, um so schneller werden meine Daten transportiert. Das kann auch wie in der analogen Welt räumliche Ursachen haben: Wenn zwischen mir und dem Empfänger weniger Knotenpunkte liegen, geht das halt schneller. Aber am Knotenpunkt wird eben nicht geschaut: "Ah, was bist Du denn für ein Datenpaket? Du wartest jetzt erstmal!". Zumindest sollte es so sein.

Ich denke es wird deutlich, dass die Netzneutralität eine Art Zensurschutz ist. Wenn wir surfen erhalten wir von allen Websites die Daten gleich schnell - angenommen alle Websites würden auf die gleiche Infrastruktur zurückgreifen können.

Hält sich da jeder ran? 

Leider: Nein! Vor ein paar Wochen brachte der Verein digitale Gesellschaft eine schöne Kampagne über die Netzneutralität bei Vodafone. Thema: Vodafone leitet bestimmte Datenpakete bewusst nicht auf das Handy seiner Anwender weiter. Dabei geht es meist um Dienste, die Vodafone selber oder in ähnlicher Form gegen Entgelt anbietet und mögliche kostenlose Alternativen jetzt von Haus aus blockiert. Man hat also gar keinen Zugriff auf "das Internet", sondern nur auf die Inhalte, die Vodafone erlaubt. Im Moment merkt das der Otto-Normal-Anwender nicht oder kaum - daher interessiert es auch bisher eher die Nerds. 

Bei Orange schließt sich nun der Kreis

Was Google nun bei Orange gemacht hat ist ganz einfach dafür zu bezahlen, dass die Inhalte von Google die Endnutzer erreichen. Dummerweise zahlen die Kunden von Orange aber auch bereits dafür - also kassiert Orange mehr oder weniger doppelt. Natürlich könnte man jetzt sagen "Ist doch super dass Google auch was dazu tut, sonst müssten die Gebühren ja viel, viel höher sein!". Zum einen stellt sich da die Frage, ob das wirklich so wäre und zum anderen muss man dabei bedenken, dass es im Internet nicht nur Google gibt. Das finden wir sicherlich auch alle ganz gut so. Man stelle sich vor es gäbe im Fernsehen nur RTL oder nur ARD. Kein schöner Gedanke.

Aber was ist mit all den Daten von den Anbietern, die es sich nicht leisten können für die Zustellung Abgaben an den Transporteur zu machen, der ja eigentlich vom Nutzer bezahlt wird? Kommen die künftig gar nicht mehr beim Anwender an - oder nur wenn der dafür extra bezahlt - oder einfach nur langsamer (was am Ende wieder auf gar nicht herauslaufen würde)?

Weil die Netzneutralität noch nirgends gesetzlich festgeschrieben wurde, schreckte die Nachricht über Google und Orange nicht nur mich auf. Halten Sie einfach die Augen offen und schauen Sie bei der Wahl Ihres Mobilfunk- oder Internetanbieters ins Kleingedruckte. Sonst könnte es Ihnen in ein paar Jahren passieren, dass Sie zwar einen Internetanschluss haben, aber irgendwie doch nicht ins Internet kommen. Oder besser gesagt: Sie kommen zwar ins Internet, aber das Internet nicht zu Ihnen.

Und was bedeutet jetzt WTF?

WTF steht für "What the fuck". Frei übersetzt also so was wie "Was zum Teufel ..."

Haben wir doch alle wieder was gelernt.

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