Nerdige Gedanken vom und zum Radfahren

Aussterben der Ladengeschäfte durch das Internet(TM)


Neuland

Die Tage wurde ich per Facebook auf einen Artikel von rp-online aufmerksam. Wieder mal geht es darum, wie der Online-Handel durch den Preisvorteil den lokalen Geschäften das Leben schwer macht. Ja, bis zur Geschäftsaufgabe treibt. Tragisch. Die Aufforderung hab ich direkt wörtlich genommen und mir das mal durch den Kopf gehen lassen.

Wie sehr ich solche subtil freundlichen Aufforderungen auf Facebook mag: "Los Idiot. JETZT denken. ICH hab das schon gemacht. Jetzt versuch Du es mal!" Wie so oft trifft es auf die, die es schreiben am wenigsten zu. Aber egal. 

Vorweg muss und möchte ich sagen wie schlimm ich es finde wenn sich die Innenstädte leeren und Existenzen durch Geschäftsaufgabe gefährdet werden. Ich bin aber auch der Meinung, dass man es sich zu einfach macht, wenn man das nur auf den Preisdruck aus dem Internet schiebt.

Ja, ich bestelle auch im Internet. Viel und gerne. Inzwischen erledige ich auch mehr und mehr kleine Besorgungen über das Netz. Dem schnellen und einfachen Prozess von Amazon&Co sei Dank. Letztens erst beim Kauf einer neuen Glühbirne für mein Auto: Eine alte hatte den Geist aufgegeben und keine mehr zu Hause. Da saß ich also Abends auf der Couch und überlegte, wie ich am nächsten Tag die Fahrt zum Baumarkt einbauen könnte. An der Tanke kaufe ich sowas schlicht nicht. Vom letzten Lampenschaden wusste ich, dass das Doppelset No-Name H7-Birnen im Hellweg knapp 11 EUR kosten. Bei Amazon bestellte ich dann long-life Qualitätslampen von OSRAM. Ebenfalls im Doppelset, ebenfalls für 11 EUR und das versankostenfrei. Am nächsten Tag waren sie da und alles gut.

In so einem Fall hat der stationäre Handel inzwischen einfach kaum eine Chance. Keine Frage.

Das Problem ist nicht nur der Preisdruck

In dem Artikel "Fotohändler gibt auf – mit Frust-Brief im Schaufenster" auf RP-Online.de klagt der Händler vor allem darüber, dass die Kunden nicht mehr bereit seien die Beratung als Wert zu erkennen:

"Ich habe es einfach satt, nach 30 Minuten Beratungsgespräch über fünf Euro feilschen zu müssen", sagt er. Der inhabergeführte Einzelhandel sterbe aus, meint Wolfgang Lennertz.

Das kann ich mir leider gut vorstellen und habe dafür auch kein Verständnis. Dann zieht der Ladeninhaber noch einen Vergleich:

In einem Restaurant gebe es Trinkgeld, wenn der Gast mit Essen und Service zufrieden sei. In seiner Branche sei das anders.

Da hat er Recht. Genauso wie ich im Restaurant Trinkgeld gebe, bin ich beim Kauf im Laden bereit sicher 5-10% mehr zu bezahlen als im günstigeren Online-Shop. Auch, weil ich bei Problemen schnell einen Ansprechpartner habe und im Zweifel das Gerät einfach wieder zurückbringen kann.  Alleine das wäre schon einen Mehrpreis wert - aber nicht nur und nicht bei jedem Produkt. Allerdings trifft die Analogie mit dem Trinkgeld auch in die andere Richtung zu!

Aus meiner Sicht als Kunde mache ich nämlich im Bezug auf die Beratung zunehmend schlechte Erafhrung.Gerade beim Einkauf von Elektronik, IT und Hifi. Und seit ich Besitzer eines kleinen sanierungsbedürftigen Hofes bin, auch beim Einkauf von Handwerkswaren im Baumarkt. 

Nur selten liegt die Beratung erkennbar über dem Niveau der Kundenrezensionen von Amazon&Co. Häufig ist sie tatsächlich deutlich schlechter. Bei IT & Co merke ich das halt weil es mein Beruf ist. Aber mehr und mehr Kunden kommen "aufgeschlaut" ins Geschäft. Natürlich ist mir klar dass das nicht unproblematisch ist und man manche Dinge unbedingt dem Fachmann überlassen sollte. Aber für die erste Erkenntnis, auf welche Dinge man bei der Anschaffung von x und y zu achten hat, reicht das angelesene Wissen meist doch aus.

Dieser leichte Zugang zu Informationen, Meinungen und Vergleichen im Netz gebärt heute halt Kunden, die dem Verkäufer nach mittlerer Recherche fast ebenbürtig sind. Klingt unmöglich, trifft aber leider doch oft zu. DAS ist das Problem. Wenn ich solche Beratungen Gespräche erleben darf, kommt mir gezwungenermaßen der Gedanke "Da hätte ich auch gleich im Netz kaufen können!". An den Preis denke ich dabei aber nicht.

Die Beratung macht den Unterschied

Um beim Trinkgeld zu bleiben: Wenn ich im Restaurant das Gefühl habe, ich wäre besser dran wenn ich mir meine Bestellung direkt selber aus der Küche holen würde, gibt das auch kein oder nur ein Verlegenheitstrinkgeld. Dafür schäme ich mich dann auch nicht. Wer trotz mieser Leistung gelobt wird, wird wohl kaum etwas verbessern.

In den letzten 7 Jahren kann ich mich an genau eine Beratung erinnern, wo ich wirklich dachte "Boah, gut dass Du gefragt hast!". Und zwar war das beim Kauf meines JURA Vollautomaten. Die Verkäuferin im Media-Markt hatte mal richtig Peil und die Beratung war so gut, dass der Preis am Ende nur Nebensache war. Ich war einfach überzeugt. Beim gleichen Einkauf habe ich auch einen Fernseher gekauft ... das war dann eher wieder ernüchternd. Nachdem ich die Verkäuferin aufgeschlaut hatte, warum ich genau diesen einen Fernseher haben wollte, dürfte ich ihn auch kaufen.

Ein wenig flexibel bitte

Ich will keinem sagen wie er sein Geschäft zu führen hat. Aber das Internet ist inwzischen eben kein #Neuland mehr und es wird auch keine Modeerscheinung bleiben. Konkurrenz gab es schon immer - nun hat sie mal ein sehr neues Gewand. Wenn ich als lokaler Geschäftsinhaber aber überleben will, muss ich mir wohl überlegen wie das in Zeiten des Internets noch gehen wird. Die Einzelhändler sind mit der Frage ja nicht alleine. Sich aber zurückzulehnen und auf die letzten Netzverweigerer zu verlassen wird nicht funktionieren. Das Internet(TM) hat nun auch seine Schwächen bei denen man es packen und schlagen kann. Das ist und wird nie der Preis sein. Das kann nur Geschwindigkeit, Flexibilität und Service (Freundlichkeit inbegriffen) sein. Was bin ich es satt wenn ich bei Amazon zig Rezensionen gelesen habe bei denen bei einem Produkt eine Sache bemängelt wird und der Verkäufer sagt dazu "Neee, das ist gar kein Problem für Sie". Letztens erst beim Kauf von DEVOLO Powerlan-Adaptern. Im Netz seitenweise Berichte, dass die Dinger einer Baureihe fiepen wie Sau. Im Laden gefragt "Ist das die Serie, die so fiepen soll?". Schon der Blick des Verkäufers lies erhahnen wie die Antwort ausfallen würde "Neeeein, die fiepen sicher nicht! Doch nicht von DEVOLO! Das ist ein Markenhersteller bla bla bla". Was soll ich sagen? Fiiiieeeeeeeppppppppp.

Warum also soll ich im Laden kaufen - Preis hin oder her?

 

« Zurück zur Übersicht

Kommentare zu Aussterben der Ladengeschäfte durch das Internet(TM)

comments powered by Disqus

Latest zum Radfahren


Latest vom Radfahren